Krankenkassenprämien: Szenario 2030

Wir starten unsere Überlegungen mit ein paar grundsätzlichen Gedanken. Was sind Krankenkassenprämien? Oft wird im Zusammenhang mit den Krankenkassenprämien von Gesundheitskosten gesprochen, was sehr irreführend ist. Denn die meisten Kosten, welche durch die Krankenkassenprämien abgedeckt werden sind nicht Gesundheitskosten sondern Krankheitskosten. Es sind also nicht primär Investitionen in die Gesundheit (z.B. Prävention) sondern Kosten die zur Behandlung von Krankheiten verwendet werden. Krankenkassenprämien der obligatorischen Grundversicherung sind im Prinzip die durchschnittlichen Krankheitskosten in einem Kanton, die von der Allgemeinheit, also von allen Bürgern gemeinsam, mittels der obligatorischen Krankenkasse getragen werden.

Die Krankenkassenprämien der obligatorischen Grundversicherung werden vereinfacht betrachtet durch folgende Faktoren bestimmt:

  1. Wie oft und wie schwer sind die Bürger krank
  2. Was kostet die Behandlung dieser Krankheiten
  3. Wie viel dieser Kosten werden mit der obligatorischen Krankenklasse solidarisch getragen

In der folgenden Übersicht sehen Sie verschiedene Szenarien, wie sich diese Krankheitskosten entwickeln können:

  • A. Sehr gute Politik: Die Krankheitskosten werden stabilisiert und anschliessend auf ein Niveau gesenkt, welche für alle Bürger tragbar ist.
  • B. Akzeptable Politik: Das Wachstum der Krankheitskosten wird eliminiert. Die Gesundheitskosten können auf hohem Niveau stabilisiert werden.
  • C. Genügende Politik: Das Wachstum der Krankheitskosten kann signifikant reduziert werden. Es gib jedoch immer noch ein moderates Wachstum.
  • D. Ungenügende Politik: Das Wachstum der Krankheitskosten kann nicht eingedämmt werden. Die Gesundheitskosten wachsen ungebremst weiter.
  • E. Totalversagen Politik: Das Wachstum der Krankheitskosten nimmt nicht etwa ab, sondern im langfristigen Vergleich sogar zu.

Nun die Quiz-Frage: Welches Szenario trifft auf die Schweiz zu?

Herzliche Gratulation, Ihre Antwort ist richtig, es ist E, wir haben es in der Schweiz mit einem Totalversagen der Politik zu tun. Die Krankenkassenprämien steigen langfristig mit einer exponentiellen Kurve.

Entwicklung Krankennkassenprämien, Prämienverbilligungen und Löhne 1997 - 2018

Abbildung 1: Entwicklung Krankenkassenprämien, Prämienverbilligungen und Löhne 1997 - 2018. Quelle: 1997-2016 SGB, Trend 2017/18 praemienverbilligung.org

Bereinigt man die Entwicklung der Krankheitskosten (wir haben die Prämie für Erwachsene ab 26 Jahren herangezogen) mit der Teuerung (wir haben den Landesindex für Konsumentenpreise verwendet), hat das durchschnittliche Wachstum im Verlaufe der Zeit zugenommen (Wachstum 1998 – 2008: 45.08%, 2008 – 2018: 48.2%). Wir sprechen also nicht von einer Reduktion der Kosten, nicht von einer Stabilisierung der Kosten, nicht von einer Reduktion des Wachstums, nicht von einem ungebremsten Wachstum, wir sprechen von einem zunehmenden Wachstum, also von einer exponentiellen Kurve. Das Wort Prämienexplosion (siehe Studie SGB) ist also nicht etwa Rhetorik oder Übertreibung, sondern Tatsache. Unter diesen Umständen von einem Totalversagen der Politik zu sprechen ist also keine Übertreibung, sondern einfach eine Beschreibung von dem was ist.

Der Hauptgrund dieser Entwicklung liegt im Unwillen der Politiker etwas zu ändern. Dieser Unwillen kommt von der Tatsache, dass rund die Hälfte der Parlamentarier Interessen von Gruppen vertreten, die an einer Reduktion der Kosten nicht interessiert sind. Von 246 Bundesparlemantierern haben 113 Mandate von Anspruchsgruppen welche vom System profitieren - Krankenkassen (34) und Unternehmen aus den Bereichen Pharma (30), Medizinaltechnik (8) und Arztmedizin (41). 1 20 Jahre lang haben Bundesrat und Parlament mit Aktionismus den Anschein vermittelt, man mache etwas gegen die Kostenexplosion. Wenn Bundesrat und Parlament 20 Jahre ein Problem nicht lösen können, dann wollen sie das Problem nicht lösen. Denn bei aller Kritik, eine solche Akkumulation von Inkompetenz wollen wir selbst unseren Politikern nicht zuschreiben.

Da wir davon ausgehen müssen, dass die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung kurz- und mittelfristig weiterhin solche Politiker wählen wird, müssen wir damit rechnen, dass sich diese Entwicklung in den nächsten 10 Jahren fortsetzt. Um dies glaubwürdig abzustützen, haben wir als Anhaltspunkt die Schätzung der Konjunkturforschungsstelle der ETH herangezogen. Auch hier rechnet man mit einer Zunahme des Wachstums für 2018, 2019 und 2020.

KOF Prognose der
Gesundheitsausgaben
2017 2018 2019 2020
Wachstum ggü. Vorjahr
3.5% 3.8% 3.9% 3.9%
Pro Kopf in Fr.
9824 10 102 10 397 10 705

Tabelle 1: KOF Prognose der Gesundheitsausgaben. Quelle: Konjunkturforschungsstelle ETH

Eigentlich müssten wir basierend auf der Entwicklung der letzten 20 Jahre für eine Prognose ab 2020 mit einer zunehmenden Wachstumsrate rechnen, um den Trend abzubilden. Wir haben uns jedoch mit der Annahme begnügt, dass das Wachstum stabil bei 3.9% pro Jahr bleibt, was der Annahme entspricht, dass sich die Politik minimal verbessern kann.

2019 ist die Durchschnittsprämie 477.9 Fr. ( Prämie für Erwachsene ab 26 Jahren). Bei der Annahme eines jährlichen Wachstums von 3.9%, wird diese Durchschnittsprämie bis 2030 auf 727.9 Fr. steigen, was einer Zunahme von 52.3% entspricht.

Entwicklung Krankennkassenprämien Schweiz 1996 - 2030

Abbildung 2: Entwicklung Krankenkassenprämien 1996 - 2030. Quelle: 1996-2019 Bundesamt für Gesundheit BAG (Krankenkassenprämien) und Bundesamt für Statistik (LIK für Bereinigung), Entwicklung 2020-30 Konjunkturforschungsstelle der ETH (Prognose 2019/2020) und praemienverbilligung.org (Extrapolation 2021-2030).

Im schweizerischen Durchschnitt lag die Belastung 2017 bei 14% des Haushaltseinkommens. Im Jahr 2014 hatte der Anteil noch bei 11% gelegen. 2017 hatten wir in Kantonen mit hohen Belastungen Durschnittsbelastungen von 18% und Maximalbelastungen von bis zu 24%.

Gemäss unseren Berechnungen haben wir in diesen Kantonen 2019 Durschnittsbelastungen von mehr als 20% und Maximalbelastungen von bis zu 29% (z.B. Kanton Neuenburg).

Die Prämienverbilligungen wurden 2018 und 2019 massiv abgebaut. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Auch hier haben wir unserem Szenario jedoch eine positivere Variante zugrunde gelegt. Wir gehen in unserem Szenario davon aus, dass es keinen weiteren Abbau mehr gibt und dass die Prämienverbilligungen auf dem aktuellen Niveau verbleiben. Zudem gehen wir von der Annahme aus, dass sich die Löhne ähnlich entwickeln wie in den letzten 10 Jahren. Auch dies ist ein positives Szenario, welches nur mittels einer sehr erfolgreichen Politik erreicht werden kann, haben wir es doch in vielen Segmenten mit stagnierenden also kaufkraftbereinigt oft mit abnehmenden Löhnen zu tun. Mit fortschreitender Digitaliserung und dem vermehrten Einsatz von Robotertechnik und Künstlicher Intelligenz (KI) wird der Lohndruck mit Sicherheit weiter zunehmen.

Unter der Berücksichtigung der obigen Annahmen, werden wir 2030 eine durchschnittliche Belastung von mehr als 20% erreichen. Dies bedeutet, dass ein durchschnittlich verdienender Schweizer Haushalt mehr als 20% des Einkommens für die obligatorische Krankenkasse ausgeben wird. In Kantonen mit hohen Belastungen wird die Durschnittsbelastung auf mehr als 26% und die Maximalbelastung auf 42% steigen.

Es wird also theoretisch Haushalte geben, die annähernd die Hälfte des Einkommens für die Krankenkassenprämien ausgeben müssten. Theoretisch, weil dies praktisch nicht möglich ist, und Haushalte ab einer bestimmten Belastung die Prämien einfach nicht mehr bezahlen können oder die Bezahlung erfolgreich verweigern2. Mit einem Blick auf die aktuellen Statistiken schätzen wir, dass insbesondere Haushalte mit Belastungen grösser als 20...22% in diese Kategorie fallen.

Was in diesem Szenario nicht berücksichtigt wurde, ist das Arbeitspensum einer Familie. Viele würden nun vermutlich argumentieren, dass diese Entwicklung unweigerlich zu Protesten und zu einem Aufstand führend wird. Auch hier gehen wir aber kurz- und mittelfristig davon aus, dass die Mehrheit des Mittelstandes sich so verhalten wird wie in der Vergangenheit. So werden sie einfach versuchen mehr zu arbeiten, also schneller im Hamsterrad rennen. Das durchschnittliche Arbeitspensum eines Haushaltes (Erwerbsquote) wird also auch in Zukunft weiter zunehmen.3 Dies ist natürlich nur sehr begrenzt möglich, denn es muss dazu auch die passenden Arbeitsangebote geben. Mit den anstehenden Rationalisierungen mittels Digitalisierung, Robotertechnik und Künstlicher Intelligenz (KI), gehen wir davon aus, dass es langfristig weniger Arbeitsangebote geben wird. Kurz- und mittelfristig wird es einem Teil des Mittelstandes vermutlich gelingen, die steigenden Gesundheitskosten mit mehr Arbeit zu kompensieren. Langfristig wird es aber zu einem intensiveren Wettbewerb unter den Arbeitnehmern und zu einer weiteren Diskrepanz in der Gesellschaft führen. Währendem es einer Minderheit des Mittelstandes gelingt, mehr zu arbeiten, wird die grosse Mehrheit gleich viel oder weniger arbeiten. Bis 2030 bedeutet dies, dass sich die Effekte vermutlich teilweise kompensieren.


Da 2030 die meisten der Haushalte in bescheidenen Verhältnissen die Krankenkassenprämien nicht mehr bezahlen können und folglich erfolglos betrieben werden, wird der Mittelstand doppelt belastet. Sie werden einerseits mehr Prämien bezahlen müssen und mittels Steuern die Zahlungsausfälle der Haushalte mit bescheidenem Einkommen finanzieren.

In aller Konsequenz gehen wir davon aus, dass sich die jährlichen Verluste durch ausstehende Forderungen von aktuell 346 Millionen Fr. (2017) bis 2030 auf 1.4 Milliarden Fr. steigern werden, da Haushalte mit Belastungen über 20..22% die Prämien vermehrt nicht mehr bezahlen können, erfolglose betrieben werden und es immer mehr Bürger mit solchen Belastungen gibt.

Verluste durch ausstehende Forderungen Krankenkassenprämien 2008 - 2030

Abbildung 3: Verluste durch ausstehende Forderungen Krankenkassenprämien 2008 - 2030. Quelle: 2008-2017 Bundesamt für Gesundheit (BAG), Trend 2018 - 2030 praemienverbilligung.org

Konklusion: In Anbetracht der Tatsache, dass wir es mit exponentiell steigenden Krankenkassenprämien zu tun haben, scheint es uns angebracht von einem "Totalversagen der Politik" zu sprechen. Die Durchschnittsprämie der obligatorischen Krankenversicherung wird bis 2030 von heute 477.9 Fr. auf 727.9 Fr. steigen, was einer Zunahme von 52.3% entspricht. 2030 werden wir somit eine durchschnittliche Belastung von mehr als 20% des Einkommens erreichen. In Kantonen mit hohen Belastungen wird die Durschnittsbelastung auf mehr als 26% und die Maximalbelastung auf 42% steigen. Dies ist ein theoretischer Wert, da Haushalte in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen die Prämien 2030 nicht mehr bezahlen können. In aller Konsequenz werden die jährlichen Verluste durch ausstehende Forderungen von aktuell 346 Millionen Fr. (2017) bis 2030 auf 1.4 Milliarden Fr. steigen. Somit wird der Mittelstand jenseits der bescheidenen Einkommen schwer belastet: Er wird einerseits massiv mehr Prämien bezahlen müssen und andererseits mittels Steuern die Zahlungsausfälle der Haushalte mit bescheidenem Einkommen finanzieren. Setzt sich der Trend mit Steuergeschenken für Reiche und Unternehmen weiter fort (siehe Skandal: SP-Regierung finanziert Steuergeschenke für Reiche mit Sozialabbau), wird sich die Situation zusätzlich verschärfen.